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Stadtplan von Berlin,
Verwaltungsbezirke
Lichtenberg und Treptow,
1929-1931

Erst arm, dann reich – Das Prinzenviertel entsteht

Anfang des 19. Jahrhunderts war das Gebiet des heutigen Karlshorst-West völlig unbebaut. Es war Teil der »Spreeheide«, einem ausgedehnten Waldgebiet nordwestlich der Wuhlheide. Erst nach dem Bau der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn 1842 begann die Besiedlung des Terrains. Mit der Anlage des Vorwerks »Carlshorst« durch Carl Sigismund von Treskow nördlich der Eisenbahnlinie, war der Name des Stadtteils geboren.
Als eigentliches Gründungsjahr Karlshorsts gilt 1895, als Karlshorst offiziell zur »Wohncolonie« erklärt wurde. Ursprünglich ging die Colonie auf das Sozialengagement adeliger Familien zurück, die die Auswirkungen der Wohnungsnot im steinernen Berlin lindern wollten. Aus ökonomischen Gründen wurde die Idee später zugunsten einer »Colonie für besser situierte Leute« verworfen und es wurden statt der ursprünglich kleinen, preisgünstigen Häuser die repräsentativen Stadtvillen gebaut, die heute zum großen Teil noch erhalten sind.
Mit der Fertigstellung des S-Bahnhofs Berlin-Karlshorst 1902 konnte man sowohl Berlin als auch den Müggelsee schnell erreichen. So stieg die Villenkolonie zu einem der beliebtesten Vororte Berlins auf und wurde auch »Dahlem des Ostens« genannt.






Furnierwerk Karlshorst

Furnierwerk Karlshorst

Furnierwerk Karlshorst

Wohnzimmer “carat”

Ehemaliges Hochregallager

Ehemaliges Hochregallager

Die Industrie in Karlshorst blüht auf

Mit der Genehmigung der neuen Wohncolonie wurde 1895 ein so genannter Kolonie-Konsens erwirkt, der besagte, dass gewerbliche Anlagen, welche sich durch Geräusch und Geruch nach außen bemerkbar machen, verboten seien. Dennoch wurden Industrieanlagen errichtet.
1924 entstand die Furnierfabrik der Geschäftsleute Mamlok, Messow & Hirschfeldt, die auch die „Holzkönige“ genannt wurden. Sie haben Verwendungsmöglichkeiten von Holz erkannt und nutzten die sich stark entwickelnde Möbelindustrie zur Veredelung einfacher Hölzer durch Edelhölzer. Die jüdischen Fabrikanten konnten noch in den 1930er Jahren in die Niederlande auswandern, da sie bereits rechtzeitig die Stoßrichtung des Naziregimes erkannt hatten. Nach Verkauf der Fabrik an einen „arischen“ Pächter wurde das Furnierwerk ab 1941 in die Kriegsproduktionen mit einbezogen. Unter anderem wurden dort Munitionskisten produziert. Nach und nach wurden dort auch französische und polnische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt.
1945 wurden die wichtigsten Produktionsanlagen als Reparationszahlungen demontiert. Trotzdem konnte der Betrieb ab 1946 schrittweise für die Produktion von Kleiderbügeln, Kisten, Leisten, u.a. aufgebaut werden. 1951 entstand daraus der VEB Holzveredelung. 1991 wurde der Betrieb stillgelegt und die Belegschaft entlassen. Seither verwahrlost das Gelände zusehends.

1964 erhielt der Blockdammweg mit dem VEB Möbelwerke Karlshorst noch einen weiteren Großbetrieb. Die bis dahin auf Berlin verteilten möbelproduzierenden Betriebe wurden an diesem Standort zusammengefasst und auf industrielle Fertigung umgestellt. Hauptprodukt war bis in die 1980er-Jahre die Wohnzimmereinrichtung „Carat“, ein Produkt, auf das der DDR-Kunde rund zwei Jahre warten musste. 1979 wurde der Betrieb in das VEB Möbelkombinat Berlin integriert. Das Kombinat war auch als Billiganbieter für die BRD tätig. 1990 wurde es privatisiert.

Das dritte große Unternehmen südlich des Blockdammweges, das während der 1970er-Jahre entstand war der VEB Maschinenbauhandel, dessen gewaltiger gläserner Gebäudekomplex heute noch die Trautenauer Straße säumt. Dort entstand schrittweise die modernste Lagertechnologie der gesamten DDR Wirtschaft. Modernste elektronisch gesteuerte Hochregallager sollten termin-und sortimentsgerechte Lieferungen garantierten. Der Bedarf konnte aber immer weniger gedeckt werden, da zwischen Produktionsaufkommen und Nachfrage eine immer größer werdende Lücke klaffte. 1992 wurde das Unternehmen von der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft verkauft und ging 1993 in Liquidation. Die Lager- und Büroflächen wurden vermietet.


Kraftwerk Klingenberg

Kraftwerk Klingenberg

Kraftwerk Klingenberg

Flussbad Lichtenberg 1931
(Bild: Landesarchiv Berlin)

Eine neue Generation an Großkraftwerken – Das Kraftwerk Klingenberg

Der prägendste Betrieb vor Ort war und ist das Kraftwerk Klingenberg. 1925 waren 25% der Berliner Haushalte an das Stromnetz angeschlossen. Um den Bedarf zu decken, entwickelte der Ingenieur Georg Klingenberg das damals größte Großkraftwerk Europas auf Steinkohlebasis. Das Kraftwerk wurde zum Vorbild einer neuen Generation von Großkraftwerken. Es war nicht nur ein funktionaler Gebäudekomplex, sondern auch ein Meisterwerk der Industriearchitektur. 1927 ging es mit einer Leistung von 270 Megawatt ans Netz.
Das Kraftwerk war auch damals nicht nur Lieferant von Elektroenergie. Der anfallende Dampf wurde für eine Gewächshausanlage genutzt, in der Gurken, Auberginen, spanischer Pfeffer, Tomaten und Weintrauben angebaut wurden. Und es gab noch einen Nebeneffekt: Das über ein Schwimmbecken zurückgeleitete Kühlwasser erwärmte das Badewasser um einige Grade. Das Flussbad umfasste eine Fläche von 50.000 Quadratmetern mit einem Sandstrand, einem Sprungturm sowie vier Schwimmbecken. Wegen Kriegsschäden wurde das Bad in den 1950er Jahren geschlossen.
Während des Nationalsozialismus stieg der Energiebedarf wegen der Rüstungsaufträge stark an. Im April 1945 konnte eine Sprengung verhindert werden. Das Kraftwerk ging im Mai 1945 wieder ans Netz, wurde allerdings mit Braunkohle weiterbetrieben.


Karlshorst unter Sowjetherrschaft

Mit dem gutbürgerlichen Idyll des “Dahlem des Ostens” war es nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee vorbei. Der erste Berliner Stadtkommandant Nikolai Bersarin nahm sein Quartier in Karlshorst und erklärte am 3. Mai 1945 das gesamte Wohngebiet zu beiden Seiten der Treskowallee zum Sperrgebiet. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 wurde im Offizierskasino Karlshorst, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Das Gebäude diente dann bis 1949 als Hauptquartier der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Der Name „Karlshorst“ war in der Presse oft das Synonym für die SMAD. Zwischen 1945 und 1962 blieb der nördliche Bereich von Karlshorst zu großen Teilen sowjetisches Sperrgebiet, konnte jedoch ab 1949 von deutschen Bewohnern betreten werden. 1994 wurden gemäß den Bestimmungen des Zwei-plus-Vier-Vertrages die letzten russischen Soldaten aus Karlshorst abgezogen.

Seit einigen Jahren kommt Leben in die Siedlung: Die Gründerzeitvillen werden aufwändig restauriert, Neubauten verändern das Zentrum rund um den S-Bahnhof. Kurzum, Karlshorst ist ein Stadtteil, in dem es sich leben lässt!

Quellen:
Kulturring in Berlin e.V.:110 Jahre Karlshorst, Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ortsteils, Berlin, 2005
Bezirksamt Lichtenberg von Berlin (Hrg.): Fabrikstadt Lichtenberg Bergauf-Bergab im Berliner Osten, Berlin, 1997